Die Loreley
Neu erzählt von Sylvia Hess

Wer kennt nicht das Lied von der Loreley, die oben auf dem Felsen sitzt, ihr goldenes Haar kämmt und so betörend singt, dass ein Fischer im Rhein versinkt, weil er nur noch auf sie und nicht auf die Wellen achtet? So wie ihm soll es unzähligen Schiffern gegangen sein, aber ich weiß noch von einer ganz anderen Geschichte:

Die schöne Jungfrau war eine Freundin der Rheinfischer. Sie stieg oft von ihrem Felsen herab, wenn die jungen Männer ihre Netze auswarfen, und zeigte ihnen ertragreiche Fischgründe. Befolgten sie ihren Rat, so wurden sie stets mit reichem Fang belohnt. Die Fischer waren der Loreley dankbar und verbreiteten die Kunde von ihrer Schönheit und Hilfsbereitschaft, wo immer sie hinkamen, und wer von ihr hörte, erzählte es weiter.

So gelangte die Nachricht von der schönen jungen Frau auch ins Hoflager des Pfalzgrafen, und als dessen Sohn sie vernahm, erfasste ihn eine tiefe Sehnsucht nach dem unbekannten Mädchen. Er schlief keine Nacht mehr und verstieg sich schließlich in die Vorstellung, nur der Anblick der geliebten Loreley könne ihm seinen Seelenfrieden wiedergeben. In seinen Tagträumen sah er sich bereits mit der Schönen an seiner Seite ins Hoflager einziehen, von allen bewundert und beneidet. 

Eines Tages nutzte er die eben eröffnete Saison, um sich von seinem Vater für einen Jagdzug nach Wesel zu verabschieden. Er ließ sich in einem kleinen Boot den Rhein hinab rudern und kam am späten Nachmittag bei den Fischern an.

"Wartet bis zum Sonnenuntergang," rieten sie dem jungen Grafen, "dann kommt sie für gewöhnlich auf den Felsen."

Dieser wies die Schiffer an, sein Boot auf die Mitte des Stroms hinaus zu rudern und dort anzuhalten, denn er wollte die Ankunft der Loreley auf keinen Fall verpassen. Es dauerte auch nicht lange, da warf die Sonne tiefrote Strahlen über den Himmel, und auf dem hohen Felsen erschien die Loreley, setzte sich an den Rand und begann ihr langes Haar zu kämmen. Es glänzte im Schein der letzten Sonnenstrahlen wie Gold. Der junge Pfalzgraf starrte gebannt auf die märchenhafte Erscheinung, und als die Schöne nun auch noch mit klarer Stimme ein wehmütiges Lied zu singen begann, war es um ihn geschehen. Er befahl den Ruderern, das Ufer anzusteuern, und beugte sich weit über den Bootsrand, weil er die Landung kaum erwarten konnte. Wenige Meter vom Ufer entfernt vermochte er nicht mehr an sich halten und setzte zum Sprung auf die Uferböschung an, doch er hatte sich in der Entfernung verschätzt und landete mit einem Aufschrei im Rhein, dessen Fluten ihn mit sich rissen, ohne dass jemand ihm helfen konnte.

Schon bald erfuhr der alte Pfalzgraf vom Schicksal seines Sohnes. Schmerz über den Verlust und Wut auf die Loreley zerrissen seine Seele, und er trommelte seine besten Kämpfer zusammen.

"Ergreift die Hexe und schafft sie herbei, ob tot oder lebendig, ist mir egal!" befahl er dem Hauptmann.

"Dann gestattet, dass wir sie gleich Eurem Sohn in die Fluten des Rheins stürzen, auf dass sie ertrinkt," gab dieser zu bedenken, "denn wenn sie wirklich eine Hexe ist, wird sie sich mit Leichtigkeit aus dem Kerker befreien."

Der Pfalzgraf erteilte die Erlaubnis, und der Hauptmann machte sich mit einem kleinen Trupp auf den Weg zur Loreley. Gegen Abend ließ er den Felsen umstellen und kletterte mit wenigen tapferen Kämpfern hinauf. Sie fanden die junge Frau, die wie immer am Rand des Felsens saß und mit betörender Stimme sang. Sie hielt eine Kette aus Bernsteinen in der Hand, und die leuchteten wie flüssiger Honig in der Abendsonne. Als die zierliche Frau die Männer in ihrer schweren Kampfausrüstung erblickte, unterbrach sie ihr Lied und fragte:

"Wen sucht ihr wackeren Streiter?"

"Dich suchen wir, du teuflische Hexe!" entgegnete der Hauptmann und tat entschlossen einen Schritt auf sie zu. "In den Fluten des Rheins sollst du einen elenden Tod sterben, auf dass deiner Stimme Klang keinem unschuldigen Menschen mehr die Sinne raubt!"

Da lachte die Loreley, schüttelte ihre blonde Mähne, warf die Bernsteinkette über den Felsrand in den Rhein und sang in einer geheimnisvollen Melodie:

"Vater, herbei, geschwind, schick deinem lieben Kind die weißen Rosse, will reiten auf Wellen und Wind!"

Die Kämpfer des Pfalzgrafen erstarrten, denn kaum hatte die Loreley ihr Lied beendet, fauchte ein Sturm über die Felskuppe, wie sie noch keinen je erlebt hatten. Die Wasser des Rheins wurden aufgepeitscht, der Fluß schwoll an, die Jungfrau aber stand am Abgrund und blickte lachend auf das Tosen. Plötzlich rauschten zwei Wellengebirge mit weißen Gischtkämmen bis zur Felsenspitze heran, erfassten die Loreley und trugen sie in die Tiefe hinab. Da erkannte der Hauptmann, dass die schöne Frau eine Nixe gewesen, der mit menschlicher Gewalt nicht beizukommen war. Mit dieser Nachricht kehrten sie in das Lager des Pfalzgrafen zurück und staunten nicht schlecht, als ihnen dort der junge Graf entgegen kam, der seinen Sturz in den Rhein überlebt hatte, weil ihn eine Welle ein Stück weiter stromabwärts ans Land gespült hatte.

Die Loreley aber blieb seit jenem Tag verschwunden. Man erzählt sich wohl, dass sie den Felsen, der nach ihr benannt wurde, noch bewohnt, doch lässt sie sich nicht mehr blicken und auch ihre Stimme erfreut die Vorüberfahrenden nicht mehr.

Aus: Wo die Loreley dem Lahnteufel winkt - Märchen und Sagen aus dem Blauen Land, nacherzählt von Sylvia Hess, edition phönix, ISBN 3-929068-16-8

© Sylvia Hess 

Geschichten und Bilder rund um die Loreley

Loreley Online, Stand: 14.01.2004, Reckenthäler