Das Vermächtnis der Loreley
Sylvia Hess

In wildem Ritt trugen die Wellenrösser die Loreley davon. Einmal noch wandte sie sich um, einmal noch umfasste ihr Blick den schroffen Felsen und das liebliche Tal, dann teilten sich die Fluten des Rheins und nahmen sie auf. In dem Augenblick aber, da sie eintauchte, verlor die Loreley ihre menschliche Gestalt. Ihr Körper streckte sich; zarte, durchscheinende Schwimmhäute schimmerten zwischen ihren Fingern auf und ihre Beine und Füße verwandelten sich in eine metallisch schillernde Flosse. 
Mit anmutigen Bewegungen schwamm die Loreley in die Tiefe, bis sie zu der Höhle am Fuße des Felsens gelangte, in der Vater Rhein Hof hielt. Blaugrünes Licht quoll aus dem Eingang, und der graubärtige Regent des mächtigen Stroms thronte auf einem gewaltigen Felsbrocken, der mit glänzenden Rheinkieseln verziert war. Seine Töchter, die Rheinnixen, umringten den Thron, und eben legten die dicken Wassernöcks ihre Musikinstrumente nieder, um eine Pause in ihrer Darbietung zu Ehren des Flusskönigs einzulegen.

"Du hast die Wellenrösser gerufen", sagte Vater Rhein mit tief blubbernder Stimme, als die Loreley vor ihm erschien. "Weißt du denn nicht, mein Kind, dass damit dein Aufenthalt dort oben beendet ist und du unwiderruflich ins Wasser zurückkehren musst?"
Die Loreley senkte den Blick.
"Ich weiß es, Vater.", sagte sie leise.
Die Nixen schwammen um ihre Schwester herum und sahen sie gespannt an.
"Was ist geschehen, Tochter, dass du die Menschen verlassen hast?", fuhr Vater Rhein fort. "Willst du sie denn nicht mehr mit deinem Gesang erfreuen?"
Da schüttelte die Loreley den Kopf, dass ihre Locken wie goldene Schlangen durch die Wellen tanzten. 
"Die Menschen sind vom Aberglauben befallen und nicht in der Lage, das Wunderbare hinter dem Augenscheinlichen zu erkennen!", rief sie. "Sie sind unfähig, ihre Begierden zu zügeln und ich musste fliehen, sonst hätten sie mich getötet."
Und sie berichtete, was ihr widerfahren war.

Als sie geendet hatte, schwieg Vater Rhein lange Zeit. Dann legte er der Loreley die rechte Hand auf den Scheitel und sagte betrübt: "Hätten die Menschen ein klein wenig mehr Geduld gehabt, dürften sie weiter deinen Liedern lauschen, denn wir haben den leichtsinnigen jungen Pfalzgrafen lebend ans Ufer gespült. So bist du denn heimgekehrt, mein Kind. Sei uns willkommen!"
"Willkommen zu Hause!", riefen die Rheinnixen und umarmten die Loreley, küssten sie und forderten die Wassermusikanten auf, ein neues Lied zu spielen. Kaum erklang die Melodie, fassten sich die Nixen an den Händen und wiegten sich im Tanz. Sie schwangen ihre Flossen im Takt der Musik und zogen hüftschwingend schillernde Bahnen durchs Wasser. So tanzte die Loreley mit ihren Schwestern bis tief in die Nacht hinein, und fortan führte sie wie einst ein unbeschwertes Nixenleben. An den Ufern oben wechselten die Jahreszeiten; der Herbst machte dem Winter Platz, und bald trieben dicke Eisschollen auf dem Rhein. Die Bewohner des Stromes kümmerte dies wenig; sie lebten in der Tiefe in gleichmäßigen Temperaturen. Und mit der Zeit vergaß die Loreley fast, wie es gewesen war, mit den Menschen zusammen zu leben.

Eines Tages aber änderte sich das. Es war April; die Loreley spielte mit zwei ihrer Schwestern Wellenfangen, ein Spiel, bei dem die Nixen immer wieder kurz auftauchen mussten, um eine Welle zu erhaschen. Da hörten sie von der Au her ein lautes Schluchzen. Neugierig schwammen die Nixen zum Ufer und erblickten ein junges Mädchen, das im Gras lag und bitterlich weinte. Eine ältere Frau saß neben ihm auf einem umgestürzten Baum und hatte den Kopf in die Hände gestützt.
"Warum weinst du so herzzerreißend?" fragte da die Loreley das Mädchen. "Sag uns, was dich bedrückt, vielleicht können wir dir helfen."
Das Mädchen richtete sich tränenüberströmt auf, und die Loreley erkannte die junge Frau eines Fischers, dem sie oft beim Fang gute Ratschläge gegeben hatte. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und schluchzte: "Das könnt ihr nicht, ich sehe keinen Ausweg!"
Und die andere Frau schüttelte den Kopf und hob resigniert die Schultern. "Uns ist wohl nicht zu helfen," sagte sie. "Alles ist anders geworden, seit die Loreley verschwunden ist."
Die Nixen sahen sich einen Augenblick verblüfft an, dann fragte eine von ihnen: "Was meinst du damit?"
"Ach!" schluchzte die Frau des Fischers auf, "wenn unsere Männer früher einmal nicht so viele Fische gefangen hatten wie erwartet, kehrten sie doch fröhlich von der Fahrt auf dem Rhein zu uns zurück, denn die Loreley hatte sie mit ihrem Gesang getröstet und ihnen gezeigt, wo sie anderntags gute Fischgründe finden würden."
"Jetzt aber", fiel die Ältere ein, "jetzt herrscht nur noch Missmut, wenn der Fang nicht reich genug ausfällt. Wir haben versucht, die Lieder der Loreley nachzusingen, doch unsere Stimmen sind nicht so betörend wie ihre, und unser Aussehen hält einem Vergleich nicht stand."
Die junge Fischerfrau hatte ihre Tränen getrocknet und warf trotzig den Kopf mit den dunklen Locken zurück. Ihre Augen funkelten zornig, als sie jetzt aufsprang und rief: "Außerdem ist es beschämend, immerzu an der Loreley gemessen zu werden! Sind wir denn nicht auch schön und anmutig? Haben unsere Männer uns nicht zu ihren Frauen erwählt, weil wir ihnen einmal gefallen haben?"
Und sie erzählten den Nixen, dass Unmut über die Männer und Verzweiflung wegen ihrer Lage fast alle Bewohnerinnen der Fischerhütten rund um den Felsen erfasst habe. 
Da schüttelte die Loreley den Kopf und sagte, ohne sich zu erkennen zu geben: "Oh ihr Menschen! Strebt nicht danach zu sein wie die Loreley, wie ein Wesen aus einer anderen Welt! Denn jede von euch Frauen hat in sich etwas von ihr, ganz gleich wie sie aussieht, eine jede kann die Männer betören auf ihre Weise. Ich denke, ich weiß einen Rat für euch. Ihr solltet etwas Eigenes haben, etwas, das mit dem Gesang der Loreley nicht vergleichbar ist. Kommt mit den anderen Frauen in der Nacht zum ersten Mai hierher auf die Au, dann werden wir uns wiedersehen." Und mit diesen Worten verschwanden die Nixen in den Wellen des Rheins.

Die beiden Fischerfrauen kehrten in ihr Dorf zurück und berichteten den Nachbarinnen von der Begegnung. Zwar konnte sich keine von ihnen vorstellen, was die freundliche Nixe gemeint hatte, als sie von etwas Eigenem für die Frauen gesprochen hatte, doch sie fühlten sich schon jetzt getröstet und auf seltsame Weise gestärkt. Und als zum ersten Mai der Mond sich rundete, verließen sie in der Nacht heimlich ihre Behausungen und trafen sich auf der Uferwiese.

Im Licht des vollen Mondes glitzerten die Wellen des Stroms, und ein sanfter Wind ließ die gelben Nachtkerzen duften. Die Frauen versammelten sich am Ufer und blickten erwartungsvoll in die Fluten. Eine Weile geschah nichts, doch dann entdeckte eine von ihnen im Gras eine Zimbel, eine andere fand eine Schalmei. Vorsichtig entlockten sie den Instrumenten erste Klänge, und nun sahen sie im Rhein ein geheimnisvolles blaugrünes Licht, das von tief unten an die Wasseroberfläche strahlte. In diesem Licht schwamm eine Gruppe von Nixen langsam nach oben. Und plötzlich erklang aus der Tiefe des Flusses eine wundersame Melodie, gespielt von Instrumenten, welche die Fischerfrauen noch niemals gehört hatten. Jetzt begannen die Nixen sich rhythmisch zu bewegen; sie hielten einander an den Händen, schwangen ihre Hüften im Takt der Musik und zogen mit ihren schillernden Flossen anmutige Kurven und Kreise durch das Wasser.
Es dauerte nicht lange, da verspürten die Frauen am Ufer eine tiefe Sehnsucht in sich, es den Nixen gleich zu tun. Auch sie fassten sich an den Händen und begannen sich zur Musik zu wiegen. Wie die Rheinnixen ließen sie ihre Hüften kreisen, gaben sich ganz den Klängen hin und tanzten selbstvergessen durch die Nacht. Nur der Mond und die Sterne bekamen dieses Ballett zu sehen, diesen zweifachen Reigen im Wasser und auf der Au. Und als die Fischerfrauen, in ihren Bewegungen sicher geworden, einander losließen und jede für sich einen wilden, übermütigen Tanz vollführte, jauchzte die Loreley im Rhein hell auf und sang ihr schönstes Lied hinauf zu den Sternen. Da erkannten die Frauen, wer die Nixe war, und gleichzeitig fühlten sie sich unbeschwert und stark und unabhängig vom Urteil ihrer Männer.

Lange noch dauerte der Tanz, und als der Morgen graute, verklang die Musik. Das geheimnisvolle Licht erlosch, die Nixen winkten ein letztes Mal und schwammen zurück in die Tiefe. Die Fischerfrauen aber kehrten heim, und den ganzen folgenden Tag über waren sie gut gelaunt und strahlten so mit der Maisonne um die Wette, dass ihren Männern ganz leicht ums Herz wurde . 
Fortan trafen die Frauen sich regelmäßig in den Vollmondnächten zum Tanzen. Mit der Zeit vervollkommneten sie das Spiel der Instrumente und ihrer Bewegungen, so dass sie bald ihre Männer zuschauen ließen. Und wenn sie so fröhlich und ausgelassen tanzten, ihre Wangen sich röteten und ihre Augen blitzten vor Stolz, da dachte manch ein Fischer, dass es doch schöner sei, seine Frau nach dem Tanz erhitzt und glücklich und ganz und gar lebendig in die Arme zu schließen als eine unerreichbare singende Blondine anzuschmachten und dabei womöglich im Rhein zu ersaufen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, denken die Männer das noch heute.

© Sylvia Hess 

Geschichten und Bilder rund um die Loreley

Loreley Online, Stand: 14.01.2004, Reckenthäler