Die Loreley

Erster Aufzug

Ödes Felsental am Rhein. Seitwärts zur Rechten, tief in die Bühne hineinragend, eine mächtige Klippe, welche in mittlerer Höhe über dem Flusse einen zugänglichen Vorsprung bildet und dann schroff und wandartig emporsteigt.

Erster Auftritt

Pfalzgraf Otto in einfacher Jägertracht kommt von der Linken, ihm folgt Leupold.

Otto
Wir sind am Ort. Laß mich allein,
Und harre mein im Felsengrunde.

Leupold
Wohl, doch vergeßt nicht, Herr, die Stunde;
Schon glühn die Höhn im Abendschein,
Und bei der Vesper erstem Laut
Erwartet euch die hohe Braut.
Was bannt euch nur in dieses Tal,
Wenn droben zu des Schlosses Stufen
Die Lieb' und all ihr Glück euch rufen?

Otto
Die Liebe, weh, und ihre Qual.

Leupold
Ich fass' euch nicht. Wie soll ich deuten,
Was ihr mir wie ein Rätsel sagt?

Otto
Vernimm: vier Monden sind's, da kam ich auf der Jagd
Hierher noch spät, ein Wild mir zu erbeuten.
Der Himmel stand in Glut, der Strom war eitel Gold,
Und zwischen all dem lichten Scheine
Gewahrt' ich eine Jungfrau wunderhold.
Sie saß gelösten Haars und sang;
O wie das klang
Das Tal entlang!
Mir war's, als sei's der Feien eine.

Leupold
Und dann?

Otto
Sie labt' aus ihrem Kruge
Den fremden Jägersmann, ich trank mit durst'gem Zuge --
Seit jener Stunde war's um mich geschehn,
In diesem Tal, fern von des Hofs Getriebe
Erblühte hold und ungesehn
Das Märchen mir glücksel'ger Liebe.
Ach, tiefer als der lauten Feste Prangen
Erquickte mich der schöne Wahn
Und willig gab ich mich gefangen.

Leupold
O Herr, ihr habt nicht wohlgetan!

Otto
Und jetzt! Und heut! Ich kann's nicht fassen,
Was streitend in mir wühlt,
Verraten soll ich, was ich heiß gefühlt,
Und was so lieb mir war, auf ewig lassen!
Ach, es glühn in diesem Herzen
Wunderbar verworrne Flammen,
Und ich muß mich selbst verdammen
Um mein streitend Doppelglück.
Welch ein Wirrsal! Welche Schmerzen!
Liebe winkt, es warnt die Treue,
Ewig ziehn Begier und Reue
In den Strudel mich zurück.

Leupold
Herr, ihr führt, den Kranz im Haare,
Morgen bei des Frührots Schimmer
Eine Fürstin zum Altare;
Opfert denn ein traumhaft Glück!
Hier zu scheiden gilt's auf immer,
Daß ihr dort bewahrt die Treue;
Ewig bleibt der Dorn der Reue
Sonst in eurer Brust zurück.

Otto
Wohl, es sei! ich muß entsagen,
Und entschlossen sei's getan.

Leupold
Handelt rasch und ohne Zagen!
Wo die alten Weiden ragen,
Harr' ich euer mit dem Kahn!

Otto
Fort! die Stunde hat geschlagen,
Geh, Verhängnis, deine Bahn!

(Leupold entfernt sich)

[...]

Verwandlung

Die Klippe mit dem Strome, wie zu Anfang des Aufzugs. Es ist Nacht. Aufziehendes Wetter.

Achter Auftritt

Stimmen im Winde

Erste
Woher, woher am dunkeln Rhein?

Zweite
Vom Drachenfels, vom Wolkenstein.
Und ihr, woher?

Erste
Vom Bodensee.
Wir sind noch kühl vom Gletscherschnee;
Wollen uns wärmen
Im lustigen Schwärmen,
Im flüchtigen Lauf.
Die dort unten wecken wir auf.

Chor von oben
Rheingeschlecht! Herauf! Herauf!

Stimmen aus der Tiefe
In des Stromes Felsennischen
Ruhn wir an kristallnen Tischen.

Stimme von oben
Auf!
Auf und laßt den Strudel zischen!

Stimmen aus der Tiefe
Hin der Abend! Hin sein Frieden!
Fels muß donnern, Flut muß sieden.

Chor von oben
Auf feuchtem Flügel
Ziehn wir daher,
Brausen auf, brausen ab
Über Land und Meer;
Da reißen die Segel, die Eichen zerschell'n,
Denn der Wind, denn der Sturm sind wilde Gesell'n.

Chor aus der Tiefe
In Stromes Tiefen,
In funkelnder Pracht
Bei dem blutigen Hort
Wir halten die Wacht;
Wir locken den Schiffer mit Saitenspiel,
Und ziehn in die Wirbel den berstenden Kiel.

Beide Chöre
Doch bei Nacht, doch bei Nacht, ohne Mond, ohne Stern,
Da führen mitsammen den Reigen wir gern.
Wie sausen die Lüfte, wie sprudelt der Gischt,
Wenn Wolk' und Wind' und Welle sich mischt!

Eine Stimme
Horch, wer naht?

Andre Stimme
Ein Menschenbild,
Dem vom Aug' die Träne quillt;
In den Reigen schreit sie wild.

Lenore (ist zwischen den Felsen erschienen)
Wehe!
Betrogen! Unerhört betrogen!
Von den Gipfeln des Lebens
Hinabgeschleudert
In den Abgrund,
Der Verworfenen eine!
Und das der Preis der Liebe,
Der Treue Lohn!
O wer schafft Rache!
Wer schafft Vergeltung
Meiner Qual!

Chor (echoartig)
Wer schafft Rache!
Wer schafft Vergeltung!

Lenore
Wo ist die Gerechtigkeit droben,
Von der sie sagen,
Daß sie wahllos
Auf eherner Wage
Wäge die Schuld?
Ich hab' ihr Wandeln
Nicht vernommen,
Noch ihre Blitze gesehn
Über dem schuldigen Haupt.
So ruf' ich euch
Ihr Kräfte der Tiefe,
Ihr düstern Gewalten
In Fels und Wasser,
In Luft und Wind!
Steiget, steiget empor!
Höret mich! Helft mir!

Chor
Du hast gerufen -
Wir kommen, wir kommen
Aus Fels und Wasser,
Aus Luft und Wind.
Rede, rede,
Was ist dein Begehr?

Lenore
Vergeltung! Rache!
Für meine Liebe
Hat er mich zertreten;
Weil ich ihm alles gab,
Deucht' ich ihm nichts!
Rache an ihm,
An seinem Geschlecht!
Mögen sie fühlen
Den Hohn der Liebe,
Der Sehnsucht Feuer,
Die Qual des Herzens,
Das sich verzehrt!
Gebt mir Schönheit, Männer verblendende!
Gebt mir die Stimme süß zum Verderben!
Gebt mir tödtliche Liebesgewalt!

Chor
Schönheit, Schönheit, Liebesgewalt
Sollst Du empfangen!
Rache, Rache geloben wir Dir!

Erste Stimme
Ist dem Rhein die Braut verheißen.

Zweite Stimme
Harrt er Tag für Tag in Sehnsucht.

Chor
Braut des Rheines sollst du werden,
Braut des Rheins im Felsenschloß!

Lenore
Horch! Irrende Stimmen
Rings im Gestein!
Wohlauf denn, ihr Rufer,
Nennet den Preis mir
Des dunkeln Werkes!
Fordert! Begehrt!
Was ich bin, was ich habe,
Ich bring' es euch dar.

Erste Stimme
Sollst dein Herz zum Lohn uns geben.

Zweite Stimme
Selbst uns opfern deine Liebe.

Chor
Braut des Rheines sollst du werden,
Braut des Rheins im Felsenschloß!

Lenore (hochaufgerichtet auf der vorspringenden Felszacke)
Es sei! Es sei!
Wie ich den Schleier hier zerreiße,
Sei zerrissen meine Liebe!
Flattre sie hin in den Lüften!
Dem Wind, dem Sturme
Vermach' ich sie.
Mein Herz versteine
Wie dieser Felsen
Fühllos starrend.
Dir, o Strom,
Brausender, kalter,
Zum Preis der Vergeltung
Verlob' ich mich an.
Nimm hin zum Pfande,
Nimm hin den Brautring!
Wenn sich das Werk
Der Rache vollendet,
Bin ich dein und gehör' ich dir an!
(Sie wirft ihren Ring in die Fluten. Der Rhein schäumt hoch auf.)

Chor
Heil! Heil der mächtigen Sterblichen!
Heil! Heil der Schönheitverderblichen!
Rache, Rache geloben wir Dir!

(Der Vorhang fällt.)

Zweiter Aufzug

Hochgewölbte Festhalle in der Burg des Pfalzgrafen. Im Hintergrunde zwischen den Säulen einer offenen Galerie freie Aussicht auf Berg und Tal. Rechts in der Tiefe der Bühne eine hohe Spitzbogenpforte, welche zur Schloßkapelle führt. Auf derselben Seite weiter vorn eine reiche Tafel für die Ritter und Vasallen. Dieser gegenüber zur Linken auf Stufen erhöht die Sitze für den Pfalzgrafen und Berta nebst einer kleineren Tafel, an der Wand darüber zwei Wappenschilder.

[...]

Dritter Auftritt

(Während des Chores ist eine Schar von Mädchen erschienen, welche einen Tanz aufführen; bei dem Schlusse desselben öffnet sich ihre Reihe und vor dem Pfalzgrafen steht Lenore, ihm einen großen goldenen Becher darbietend)

Otto
O Gott, was seh' ich? - dich? - Lenoren?
Ist alles wider mich verschworen? -
Und doch! - Wie schön sie vor mir steht!

Chor
Wie schön sie ist! Ich muß mich neigen;
So geht der Mond im Sternenreigen,
Wie sie vor allen Frauen geht.

Berta und Reinald
Wie lieblich tritt sie aus dem Reigen!
Was will der Schauer, der so eigen
Mir durch die tiefste Seele weht?

Lenore
Trink, o durstiger Zecher
Feuriger Trauben Blut!
Trink im schäumenden Becher
Liebeverlangenden Mut!
Heiß durch Herz dir und Sinne,
Durch die lechzenden, rinne
Alle glühende Minne,
Alle minnige Glut!

Erster Halbchor der Ritter
Wie wandelt sie in Lieblichkeit!
Sei uns gegrüßt, du holde Maid!
Sei uns gegrüßt!

Zweiter Halbchor der Ritter
O Stimme, rein und wonniglich!
Du schöne Maid, wir grüßen dich!
Wir grüßen dich!

Otto
Welche Glut, o welch Verlangen,
Welch ein Schwanken hin und her,
Nimmt die Seele mir gefangen!
Welche Glut, o welch Verlangen!
Ach, ich kenne mich nicht mehr.

Berta (zugleich)
Mich ergreift ein seltsam Bangen;
Wie verwandelt seh' ich dich.
Fieber brennt auf deinen Wangen -
Sieh mein Zagen, sieh mein Bangen!
Sprich, was ist? Geliebter, sprich!

Reinald (zugleich)
Welche Glut auf seinen Wangen!
Fühlt er Reue seiner Tat?
Oder kommt, ihn zu umfangen,
Schon der Rachegott gegangen,
Der dem Frevler schrecklich naht?

Lenore
Trink der Liebsten zu Ehren,
Die dein Herze gewann!
Bist in Wunsch und Begehren
Nun ein gefangener Mann.
Hast du Lieben und Leben
Einmal verschenkt und vergeben,
Nimmer lösen und heben
Kannst du den eigenen Bann!

Otto
Welche Glut, o welch Verlangen
Ach nach ihr, die ich zertrat!

Berta
Fieber brennt auf deinen Wangen,
Wüßt' ich Hilfe! Wüßt' ich Rat!

Reinald
Die Vergeltung kommt gegangen,
Die dem Frevler schrecklich naht.

Lenore
Hast du Lieben und Leben
Einmal verschenkt und vergeben,
Nimmer lösen und heben
Kannst du den eigenen Bann.

Otto
Es ist aus! Es ist aus! Das Mahl ist aufgehoben!
(Wirft die Tafel um)
Sattelt mein Roß, mein wildes Berberroß!
Bringt Sperber mir und Pfeilgeschoß!
Fort zur Jagd ins Gebirg, wo Sturm und Waldbach toben!
Hinaus, hinaus mit hellem Troß,!

Leupold
O Herr, o Herr! welch seltsam Begehren,
Welch finsterer Geist ficht plötzlich Euch an?

Berta
Otto, mein Otto, sieh mein Zähren!
Was ist dir geschehn? Was ist dir getan?

Chor
O hört! O hört! Welch seltsam Begehren!
Befängt ihn ein Trug? Betört ihn ein Wahn?

Otto
Was steht ihr? Was fragt ihr? - Laßt mich - laßt!
Ich habe nicht Ruh, ich habe nicht Rast!
In Sturm und Braus verjagen
Möcht' ich mein Sehnen, mein Leid;
Möcht' es in dunkler Zelle klagen
Der Einsamkeit.
Mich drängt's, mich treibt's, in meinen Adern
Das wilde Blut empöret sich -
Ich fühl' in meiner Brust die Elemente hadern,
O welche Glut! Wer kühlet mich!

Lenore
Laß das vergebliche Streiten,
Wenn dich die Sehnsucht verzehrt!
Willst du in Hast ihr entreiten,
Schwingt sie sich mit dir aufs Pferd.
Treibst du den Nachen vom Strande,
Schwimmt sie dir nach durch den Schwall,
Folgt dir genüber zum Lande,
Breitet umnetzende Bande
Allüberall! Allüberall!

Otto
Wie mich gewaltig
Lockt ihr Gesang!
Länger nicht halt' ich
Des Herzens Drang.
Schämen und Bangen
Zerflattern im Wind.
Sieh mein Verlangen!
Hast mich gefangen
Reizendes Kind!

Berta (zugleich)
Wehe, gewaltig
Lockt ihn ihr Blick,
Länger nicht halt' ich
Die Tränen zurück.
Schämen und Bangen
Deucht ihm nur Scherz;
All sein Verlangen
Nimmt sie gefangen;
Brich, du mein Herz!

Reinald (zugleich)
Weh, den Verräter
Hält nichts zurück.
Liebe schon fleht er
Mit Wort und Blick.
Mit dem Geschworenen
Treibt er Scherz,
Und der Verlorenen,
Jüngst erst Erkorenen
Bricht er das Herz:

Chor der Ritter (zugleich)
Unwiderstehlich
Lockt ihr Gesang.
Nicht mehr verhehl' ich
Des Herzens Drang.
Das mich wie Schlangen-
Windung umspinnt,
Sieh mein Verlangen!
Hast mich gefangen
Reizendes Kind!

(Die Ritter haben sich um Lenoren gedrängt. Otto tritt ihnen entgegen)

Otto
Wer wagt es, keck und voll Begier
Zu dieser Maid den Blick zu heben?

Erster Ritter
Nach jedem Ziel darf klarer Wille streben,
Und meine Liebe biet' ich ihr.

Zweiter Ritter (zum ersten)
Vor keinem Kampfe lernt' ich beben,
Den schönen Preis bestreit' ich dir.

Chor der Ritter (durcheinander)
Auch ich - Auch ich - Auch wir, auch wir!
Schämen und Bangen
Schweigt in der Brust;
Sie zu gewinnen
Ist mein Beginnen,
Sie zu gewinnen
Einzige Lust.

Lenore
Schönheit steigt auf die Zinne,
Wirft den entzündenden Strahl;
Flammen, Flammen der Minne
Fahren allmächtig im Saal.
Aber im flackernden Scheine
Mit Salamandernatur
Spielt, sich ergötzend, die e i n e,
Spielet die Jungfrau alleine,
Hütet euch nur! Hütet euch nur!

Erster Ritter
Komm, holde Jungfrau, sei die Meine!

Zweiter Ritter
Zu deinem Ritter nimm mich an!

Dritter Ritter
Hoch ragt mein Schloß am grünen Rheine,
Die Pforten sind dir aufgetan.

Chor der Ritter (durcheinander)
O sei die Meine! - Sei die Meine!
Nimm mich, nimm mich zum Ritter an!

Otto
Zurück mit euern frechen Grüßen!

Chor der Ritter
Kein Recht gibt's, das der Liebe wehrt.

Otto
Da liegt mein Handschuh euch zu Füßen,
Und statt des Wortes spricht das Schwert.
(Er schleudert seinen Handschuh in den Saal und zieht das Schwert.)

Lenore
Flammen, Flammen der Minne
Zucken in wilder Begier,
Schönheit steigt auf die Zinne,
Und es entlodern die Sinne -
(Plötzlich aufschreiend)
Weh, welch ein Dämon spricht aus mir!

Chor der Ritter (gegen den Pfalzgrafen und gegeneinander andringend)
Heraus denn, ihr blitzenden Schneiden!
Zum Kampfe, zum blutigen Reihn!
Das Schwert, ja das Schwert soll entscheiden -

Otto
Mein muß sie sein! Mein muß sie sein!

Reinald
Die Schwerter entfliegen den Scheiden,
Der Frevel will blutig gedeihn.

Berta
O Himmel, siehe meine Leiden!
Erbarm, erbarme dich mein!
Nicht länger ertrag' ich die Pein.
(Sie eilt seitwärts in die Schloßkirche)

Otto
Und legte, was Macht hat auf Erden,
Und legte die Hölle sich drein:
Nur mein, nur mein darf sie werden,
Mein muß sie sein! - Mein muß sie sein!

Chor der Ritter (wild durcheinander)
Mein muß sie sein, mein muß sie sein!

(Otto hat Lenore mit der Linken umschlungen und kämpft mit der Rechten. Allgemeines Gefecht)

Vierter Auftritt

Die Vorigen ohne Berta. Der Erzbischof triff ein. Ihm folgen Prieser und gewappnete Knechte.

Erzbischof
Die Schwerter senkt! Beim ew'gen Gott!
Ihr raset!

Reinald
Wehe diesem Haus!

Erzbischof
Treibt hier die Hölle ihren Spott?

Erster Priester
's ist Zauberei!

Erzbischof
Du sprichst es aus.

Chor
O wehe, wehe diesem Haus!

Erzbischof (auf Lenore deutend)
Das Unkraut werd' im Keim vernichtet!
Nur rasche Tat bringt hier Gewinn.
Die Schuld ist klar, sie sei gerichtet.
Ihr Knechte, greift die Zauberin!

Otto (den Gewappneten entgegentretend)
Zurück! In meines Schlosses Hallen
Wer rührt sie an! Bin ich hier nichts?
Auf, schart euch um sie, ihr Vasallen!

Erzbischof
Wahnsinn'ger Knabe! Sie ist Gott verfallen.
Im Namen des geistlichen Gerichts!

(Die Ritter und Knappen weichen vor dem heranschreitenden Erzbischof zurück. Er ergreift Lenores Hand und führt sie in den Kreis der Priester)

Otto
Ihr gebt sie preis! Schmach euch und Schande!

Chor der Ritter und Knappen
Uns schreckt der Kirche dräuend Nahn.

Erzbischof (zu seinem Gefolge)
Nehmt hin die Dirne, schlaget sie in Bande,
Führt sie zum Dom als Büßerin angetan,
Laßt Kerzen brennen, Weihrauch wallen!
Sobald die Glocken dumpf erschallen,
Hebt das Gericht zu sprechen an.

Otto
Trotz euch und was im Grollen
Auch eure Satzung spricht,
Mein Herz, mein eisern Wollen
Beuget ihr nicht, beuget ihr nicht!

Reinald und Chor der Ritter (zugleich)
Dies Labyrinth von Wehe
Und Schuld, ich fass' es nicht;
O Allmacht aus der Höhe
Sende mir Licht, sende mir Licht!

Erzbischof und Chor der Priester (zugleich)
Was Finsternis gesündigt,
Der Himmel bringt's ans Licht;
Die Rache wird verkündigt -
Fort zum Gericht! Fort zum Gericht!

(Der Erzbischof und die Priester verlassen den Saal, in ihrer Mitte Lenore, die sich ohne alles Sträuben fortführen läßt. Otto, Reinald, die Ritter und die Gewappneten folgen)

[...]

Siebenter Auftritt

Man erblickt den Erzbischof auf seinem Stuhle, um ihn her im Halbkreise die geistlichen Richter; zur Seite Otto, Ritter und Volk, das, sobald der Zwischenvorhang gefallen ist, nach vorn drängt. In diesem Augenblicke wird Lenore in weißem Bußgewand von Gewappneten hereingeführt. Berta sieht, an einen Pfeiler gelehnt, dem folgenden wie erstarrt zu.

Chor der Priester
Tränk uns aus der Weisheit Borne!
Lehr uns scheiden Spreu vom Korne!
Diener sind wir deinem Zorne.

Erzbischof (sich erhebend)
Richter, gebt mir Antwort!

Chor der Priester
Frage!

Erzbischof
Faßt ihr ruhig Schwert und Wage?

Chor der Priester
Ruhig sind wir.

Erzbischof
Kläger, klage!
(Er nimmt seinen Sitz wieder ein)

Erster Priester
So klag' ich denn: das Herz des Grafen, den ihr schaut,
Hat diese Dirne hier mit Höllenkunst umsponnen,
Hat ihn durch Zaubertrank, gemischt aus gift'gem Kraut,
Entfremdet seiner hohen Braut,
Und ihn für ihr Gelüst gewonnen.
Der Zeugen braucht es nicht. Ihr habt es selbst geschaut.
Als schwarze Zauberin sei sie verdammt!

Chor der Priester
Ruft Zeter über ihr! Der Holzstoß sei entflammt!

Reinald
Weh, sie verdammen
Sie zu den Flammen:
Himmlische Mächte, steht ihr bei!

Otto
Ha, nicht zu tragen
Ist, was sie wagen!
Hüte dich, trotzige Klerisei!

Ritter und Volk
Wie wird sich's wenden!
Wie wird es enden!
Himmlische Mächte, steht ihr bei!

Erster Priester
Ruft Zeter über ihr! Der Holzstoß sei entflammt!

Erster Priester (zum Erzbischof)
Du siehst, sie sind einig insgesamt.

Erzbischof
Den Rechtslauf dürfen wir nicht stören.
Was bringt die Dirne vor?

Erster Priester
Unselige, laß hören!

Lenore
Führt mich zum Tode, nehmt mich hin!
Nach keiner Gnade steht mein Sinn,
Ich leide still und stumm.
Meine schwarze Kunst, das ist mein Schmerz,
Mein Zauber ein gebrochen Herz,
Und einer weiß, warum.

Erzbischof und Chor der Priester (Eine Stimme nach der andern einfallend)
Bei ihrem Wort, wie schmilzt mein Sinn,
Wie schwindet leise - mein Zorn dahin!
Ihr stiller Gram, ihr tiefer Schmerz
Bewegt mit Macht - mit Macht mein Herz.

Otto und Reinald (zugleich)
Bei ihrem Wort - wie schmilzt mein Sinn,
Schmilzt all mein Wesen - in Sehnsucht hin!
Ihr stiller Gram, ihr tiefer Schmerz
Bewegt mit Macht - mit Macht mein Herz.

Chor des Volkes und der Ritter (zugleich)
Es rührt ihr Wort - der Priester Sinn,
Und leise schwindet ihr Zorn dahin.
Ihr stiller Gram, ihr tiefer Schmerz
Bewegt mit Macht - mit Macht mein Herz.

Lenore
Kennt ihr ein Herz, das Falschheit brach?
Es stürzt in Sünde, Fluch und Schmach,
Und willig sterb' ich drum.
Ich hab' meine Liebe verschworen,
Ich habe mich selbst verloren,
Und einer weiß, warum.

(Die Chöre der Priester, der Ritter und des Volkes wiederholen sich wie vorher. Dann erhebt sich der Erzbischof)

Erzbischof
Sie hat geredet. Richten wir!

Erster Priester
Du hast den ersten Spruch. Beginne.

Erzbischof
Wer will verdammen, über Huld und Zier
Ihr angebornes Recht der Minne!
Ich finde keine Schuld an ihr.

Reinald
Er spricht sie los, o Glück!

Chor des Volkes
Heil, Heil dem milden Sinne!

Chor der Priester
Ihr Zauber ist die Huld der Minne,
Wir finden keine Schuld an ihr.

Erzbischof (zu Lenore)
Geh hin, mein Kind, du bist entlassen.

Lenore
Träum' ich? Wach' ich? Es kann nicht sein.

Reinald
Du bist frei! Du bist frei! O lerne dich zu fassen!

Otto (auf Lenore zueilend)
Triumph! Triumph! Jetzt bist du mein!

Erzbischof (tritt dazwischen)
Zurück, Verblendeter!

Berta
Weh mir!

Otto
Wer will mir wehren!

Erzbischof
Im Namen deines Stamms, im Namen deiner Ehren
Gebiet' ich dir: Halt ein! Halt ein!

Otto
Ha, dir zum Trotz -

Berta
Gedenke deines Eides!
Denk meines unermeßnen Leides!
Du tötest mich -

Otto
Mein muß sie sein!

Erzbischof
Komm zu dir selbst, sinnloser Wüterich! -
Ihr aber schafft dies Kind mit Eilen
In unsres Klosters Huf. Dort mag sie sicher weilen.

Reinald und Volk
Lenore komm! Wir führen dich!
(Sie umringen Lenore und wenden sich zum Gehen)

Otto
Beim Abgrund, halt! Wer ist's, der sie mir raubt?
Wer rühr sie an, die ich erkoren!

Erzbischof
Wahnsinniger, zurück!

Otto
Sein Blut kommt auf sein Haupt!
Beim ew'gen Gott, er ist verloren.

Berta (tritt entschlossen vor Lenore)
Ich schütze sie, dein Weib! Sieh her! Ist auch für mich
Dein Eisen scharf?

Otto
Verderben über dich!
All euer Widerstand ist eitel!
Hinweg, Verhaßte!
(Er schleudert sie fort)

Berta (zusammenbrechend)
Weh!

Chor
O Grausen!

Erzbischof
Nun wohlan!
Dein Maß ist voll und deine Frist verrann.
So schleuder' ich denn auf deine Scheitel
Der Kirche Interdikt und Bann.
Sei ausgestoßen!

Chor der Priester
Ausgestoßen!

(Otto fährt entsetzt zurück)

Chor der Ritter und des Volkes
Wehe!
Entweicht, entweicht aus seiner Nähe!
Ihn traf der Kirche Fluch und Bann.

Otto
Fluch über euch! Fluch über mich!

Reinald und Volk
Lenore komm! Wir führen dich.

Erzbischof (zu Berta herantretend)
O Tag des Unheils!

Chor
Wehe! Wehe!
Entweicht, entweicht aus seiner Nähe!
Ihn traf der Kirche Fluch und Bann.

(Otto steht wie gebrochen auf Leupold gelehnt, von allen übrigen verlassen. Während ein Teil des Volkes Lenore fortführt, ein andrer sich um den Erzbischof und Berta gruppiert, fällt der Vorhang)

Dritter Aufzug

[...]

Verwandlung

Die Klippe über dem Strome, von der untergehenden Sonne rot beschienen. Auf der Höhe des Felsvorsprungs sitzt Lenore, ihr langes Haar ordnend und schmückend. Später Otto.

Siebenter Auftritt

Lenore
Ich habe mein Herz verloren,
Das liegt im tiefen Rhein.
Ihm hab' ich mich verschworen,
Darf keines andern sein.
Mein Sinn ist schwer, meine Brust ist leer.
Ich kenne nicht Lächeln, nicht Weinen mehr;
Ich habe mein Herz verloren,
Das liegt im tiefen Rhein.

Wie leicht ist Lust verdorben,
Und Lieb' ist eitel Not!
Mir deucht, ich bin gestorben,
Und bin doch schön und rot.
Wann schlägt die Stunde, wann kommt der Tag,
Da alles, alles enden mag!
Ach, leicht ist Lust verdorben
Und Lieb' ist eitel Not.

(Otto ist schon während ihres Gesangs im Nachen erschienen. Er steigt ans Land.)

Otto
Wie damals grüßt mich alles wieder.
Vom Felsenhang
Verlockend hernieder
Schallt ihr Gesang,
Und zieht und reißt mich hin zu ihr -
Lenore!

Lenore
Wer rufet mir?

Otto
Ich bin's, um dich gejagt wie ein Wild,
Das die Jäger hetzten,
Verfemt im Wald, gebannt im Gefild -
O wolle du mich letzen!
Mich, der um dich sein Glück, seine Ruh,
Sein alles gibt,
Der nichts mehr will, als dich allein,
Der dich meint, der dich liebt!

Lenore
Ich weiß von keinem, der mich liebt!
Reißenden Stromes flutet die Zeit.
Nur ein Traum noch dämmert mir ferne,
Doch der Traum war bitteres Leid.

Otto
Ich weiß, ich hab' an deiner Huld
Frevel begangen,
Aber zehnfach größere Schuld
Türmt' ich empor, dich wiederzuerlangen.
Geworden bin ich der Buben Spott,
Geschmäht von der Welt, verstoßen von Gott
Um ein Lächeln von deinen Wangen.
Du bist die letzte Zuflucht, die mir blieb,
Nun alles fällt -
Nimm du mich an! Vergiß! Vergib!
Und ich lache der Welt.

Lenore
Laß ab! Laß ab! Zwischen dir und mir
Steht hinfort eine dunkele Macht;
Nicht klag' ich dich an, nicht bejammr' ich mich selbst,
Das Geschick sei schweigend vollbracht.
In mein eigenes Herz nicht, wag' ich zu schau'n,
Denn ich finde nicht Freude, nicht Leid.
Ich weiß nur eins: Voneinander sind
Wir geschieden auf ewige Zeit.

Otto
Nein! Nein! So stößt du mich nicht fort!
Fahrhin ist nicht dein letztes Wort.
Wo wäre die Macht, und wär's der Hölle Glut,
Die vor der Liebe mächtig bliebe!
Jeglich Geschick durchbricht die Liebe;
O wolle nur, und es ist alles gut!

O gedenke der Zeit,
Holdselige Maid,
Da ich hier zu Füßen dir saß,
Und mit quellender Brust
In unendlicher Lust
Die Welt und mich selber vergaß;
Da dein Auge so blau
Von gesegnetem Tau
Wie das Veilchen im Frühlinge floß,
Da dein Arm mich umschlang
Und Ruh dein Gesang
In die flutende Seele mir goß

Lenore
Nicht beschwöre die Zeit!
Denn sie liegt so weit,
Und sie kehrt uns nimmer zurück.
Wohl schwankt mir der Sinn,
Doch dahin, doch dahin,
Doch auf immer dahin ist das Glück.
Laß ab! Laß ab
Das ich einst dir gab
Mein Herz war verödet und leer.
Eine finstere Macht
Hält über mir Wacht.
Laß ab, und beschwöre nicht mehr!

Otto
Schon erzittert dein Herz
In der Sehnsucht Schmerz,
Nein ich lass' es nicht, bis ich's errang -
Bei der wonnigen Stund,
Da küssend vom Mund
Ich die atmende Seele dir trank,
Bei dem jauchzenden Glück -

Lenore
Weh! Könnt' ich zurück!
O was weckst du begrabenen Laut!
Laß ab! Laß ab!

Otto (mit ausgebreiteten Armen den Felsen hinaufklimmend)
An mein Herz! Komm herab!

Chor der Geister (unsichtbar)
Halt ein, verfemte Braut!

Lenore (wie aus schwerem Kampfe allmählich sich aufrichtend)
Weh mir! - Kehr um! Nicht wag mir zu nahn,
Ich bin wie gepanzert in Erz.
Vorbei! Vorbei! Laß ab von dem Wahn!
Nichts weiß von Liebe mein Herz.
Wie ein bebender Ton, wie ein wehender Traum,
Wie der sterbenden Welle verrinnender Schaum
So verrann sie in Nacht und in Schmerz.
(kurze Pause)
Ich kenne dich nicht! Geh deinen Pfad,
Die Braut bin ich geworden des Rheines,
Hinweg! Mein zürnender Bräutigam naht,
Ich kenne dich nicht! Geh deinen Pfad,
Erfüll dein Schicksal, ich meines!

(Der Rhein braust und donnert)

Otto
Weh! Weh! Vor meinen Augen kreist
Das All. Der Anker meiner Seele reißt
In Wahnsinn und Schmerz.
So hold, so verlockend das Auge dein,
So hart du selber wie dein Stein!
Scheitre, scheitre mein Herz!
Es ist alles dahin! Es ist alles vorbei!
Das Gericht kommt gegangen.
Fahr wohl, du schöne, todesschöne Fei!
Du sollst dein Opfer empfangen!
(Er stürzt sich in den Strom)

Chor der Geister
Heil, Heil der mächtigen Sterblichen!
Heil, Heil der Schönheitsverderblichen!
Rache, Rache schufen wir dir!

Letzter Auftritt

Lenore auf der Klippe sitzend. Es dunkelt tief. Hubert, Reinald (Winzer und Winzerinnen kommen mit Fackeln)

Reinald
Sie ist's! Sie ist's! Dort sitzt sie auf der Ley!

Chor
Sie ist gefunden! Kommt herbei!

Hubert
O Kind, wir suchten dich mit Schmerzen.
Nun komm, und ruh an deines Vaters Herzen!

Lenore
Laßt mich, mein Tagwerk ist vollbracht.
Mit ihren Sternen kommt die Nacht,
Mein Haupt ist schlafestrunken.
Es sehnt mein Herz nach all dem Streit
Ins Stille sich, in die Dunkelheit,
Denn die Welt, die Welt ist versunken.

Reinald
Nicht also! Heilt doch jeder Gram der Erde!
Ins Leben wende dich zurück!

Hubert
Auch der Entsagung blüht am frommen Herde
Friedselig ein bescheiden Glück.

Chor
O komm zurück! O komm zurück!

Lenore
Niemals! Mich hält ein Schwur.

Hubert (drohend)
Lenore!

Reinald
Laß mich nicht flehn zu taubem Ohre!

Hubert
Wenn jeder Rat umsonst verhallt,
Wohlan, so brauch' ich denn Gewalt.

(Sie beginnen die Höhe hinaufzuklimmen)

Lenore
Zurück! Ich habe nichts mit euch gemein.
Und wohnt bei Menschen kein Erbarmen,
Ruf' ich zu dir, brausender Rhein.
Mein Bräutigam, ich harre dein!
Errette mich mit starken Armen!

(Furchtbarer Donnerschlag. Der obere Teil der Felsenwand zerbirst, und eine hohe kristallene Pforte wird sichtbar. Hubert, Reinald und die Winzer taumeln zurück und stehen wie gebannt)

Hubert. Reinald. Chor
Welch Entsetzen! Welch ein Grausen!
Und sie selber ruft's herein!

Chor der Geister
Dein Gesinde naht mit Brausen,
Heil der Königin der Fei'n!

Lenore (in die Pforte tretend, zu den andern zurückgewandt)
Fahrt wohl! Ihr hemmt nicht meine Bahn.
Mein erstes Werk ist abgetan,
Und das andere ist's, das ich sage:
Wer hinfort mir naht, und die Treue verriet,
Ihn reißt mit Gewalt in die Strudel mein Lied,
Daß er Tod und Verderben erjage.
Denn bei Tag, denn bei Nacht, wohl über dem Rhein
Will ich rufen im Fels, will ich klagen im Stein
Von verlorener Liebe die Klage.

Hubert. Reinald. Chor
Weh! Sie ist für uns verloren!
Zu des Bergs kristallnen Toren
Kühnen Fußes geht sie ein.

Chor der Geister
Heil! Wir führen dich zum Throne,
Heil! Es winkt die Feienkrone,
Heil dir Königin vom Rhein!

(Indem Lenore die Schwelle der Kristallpforte überschreitet, geht über der vorspringenden Felszacke groß und glänzend der Mond auf)

(Der Vorhang fällt)

aus: Emanuel Geibel. Gesammelte Werke in acht Bänden. Verlag der Cottaschen Buchhandlung. Stuttgart/Berlin/Leipzig. 4. Auflage. 1906. Band 6, S. 107-174.

Geschichten und Bilder rund um die Loreley

Loreley Online, Stand: 04-11-2003, Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler