Der Salmenfischer

Ein Fischer sitzt am Salmenfang,
Zog schon das Netz zwölf Stunden lang
Und hatte nichts gefangen.
Rauh bläst der Wind von Norden her,
Halb ist der Krug des Knaben leer,
Gern wär' er heimgegangen.

Da denkt er, schläfrig wie er war,
Vielleicht zuletzt hilft Sankt Goar
Mit einem guten Zuge.
Und auch zuletzt, zu guter Letzt,
Hat er den Krug noch angesetzt
In einem tücht'gen Zuge.

Dann schaut er nach dem Lurleiberg,
Denkt an den schwarzen Höhlenzwerg
Und an die Wasserfeen;
Die singen drüben an der Bank,
Wo mancher Horcher schon versank,
Der nimmer ward gesehen.

"Verdammtes Zeug! halb Fisch, halb Weib
Mit einem blauen Schuppenleib
Und langen grünen Haaren:
Fing ich nur Eins - ich zeigt's für Geld,
Und würde lustig durch die Welt
Von Mess' zu Messe fahren.

Dann gute Nacht du wilder Rhein,
Ich tränke nur den besten Wein
Und rauchte nur Cigarren.
Und gute Nacht du Salmenfang,
Wo ich umsonst gepaßt so lang,
Da paßten and're Narren." -

Er nickt - er brummt ein halbes Wort,
Und schlummert ein, und schlummert fort
Und hört' den Hans nicht kommen; -
Der zieht das Netz und lacht ihn aus,
Der schönste Salmen schaut heraus,
Der heut' vorbei geschwommen.

Doch eh' er ihn von dannen trägt,
Hat er den Krug dahin gelegt,
Wo er den Fisch gestohlen.
Dann springt er in sein leichtes Schiff
Und rudert um das Felsenriff,
Da wird ihn Niemand holen.

Doch später oft bei'm gold'nen Wein,
Des Fischers Freunde forschten fein,
Wenn hell die Gläser klangen:
"Sag', hast du noch kein Wasserweib
Mit einem blauen Schuppenleib
In deinem Netz gefangen -?"

(Adelheid von Stolterfoth, 1829)

Geschichten und Bilder rund um die Loreley

Loreley Online, Stand: 09-02-2004, Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler