Die Jungfrau vom Lei

Spruchweise.

Lora. Der Morgen graut, es bleicht der Stern!
Ein Licht strahlt dort im Osten fern!
Im Rosenschein das Völkchen zieht,
Die Nachtmar zu der Höhle flieht:
Tief erdein sinkt das Nachtgespenst.
Wie dort das heil'ge Blau erglänzt!
Hin in's Geklüft schlupft das Gezwerg,
Die Sonne steigt schon auf den Berg,
Hoch ob dem Strom auf schroffer Lei
Thronet im Nebel die mächtige Fei!

Gesang.

Gewölke zu Füßen
Mir dienend zu fließen,
Eilt Weste, ihr losen,
Mein Haar zu umkosen!
Ihr sonnigen Strahlen,
Ich schärfe euch ein,
Mich rings zu ummalen
Mit Zauberschein!
Der Fels ist mein Horst,
Mein Pallast der Forst;
Der Strom ist mein Bad,
Mein Park das Gestad'!
Und Alles was naht auf des Stromes Gleis
Ist mein, ist mein als der Schönheit Preis!
Wie nur der Ferge die Stimme vernimmt,
Der starren Hand das Ruder entschwimmt,
Der Kahn zerschellt an den Felsenriefen,
Ich ziehe die Schiffer in die Tiefen!
Wenn die Wogen flüsternd wallen
In dem Regenbogenspiel,
Weilen wir in Muschelhallen,
Ruhen auf des Mooses Pfühl.
Arm in Arm so traut verschlungen
Kündet unsern Seelentausch,
In des Stromes Dämmerungen
Welch ein süßer Minnerausch!

Spruchweise.

Der Nebel schwankt im Morgenhauch
Verweht wie duft'ger Opferrauch,
Und auf des Stromes glitzernder Well'
Fern tauchet auf ein Segel hell. -
O schaut es nahn
Im schwanken Kahn,
Der Ritter, der Holde,
Im Locken-Golde;
Der Wangen Glut,
Des Auges Schein
Voll Stolz und Mut,
Mein muß er sein!
Erklinget, ihr Töne, umwebet den Kahn,
Den Schiffer, den Ritter ergreifet wie Wahn,
Und lasset mir den Ersehnten nahn!
Die Schiffenden. In dem sichern Kahn geborgen,
In das Blaue geht es hin,
Junge Herzen, junger Morgen,
Leichte Wellen, leichter Sinn!
Lora. Könntest du vorüber gleiten
Streben in den öden Raum,
Was du suchest in den Weiten
Winket hier süß wie ein Traum!
Die Schiffenden. Will der Kahn uns nicht entgleiten,
Zu der Klippe weißem Schaum.
Lora. Schaue meine Zauberhaine
Hier, mein seliges Gebiet,
Ueber üpp'gem Blumenraine
Wieget sich ein ew'ges Lied.
Die Schiffenden. Steh geblendet von dem Scheine,
Bin verwirrt von Klang und Lied!
Lora. Trotz den Riffen, folg den Wogen,
Dich erwartet süße Lust,
Komm, mein Ritter, angeflogen,
Komm, o komm, an meine Brust!
Die Schiffenden. Rings umdräuen uns die Wogen,
Nacht umgibt den Blick und Dust!
Lora. Heil, es bringen ihn die Wellen
Zu der Klippe scharfem Stein,
Sehe schon den Kahn zerschellen,
Heil, der Ritter ist nun mein!
Die Schiffenden. Wir verderben in den Wellen,
Sinken in den Strudeln ein!

(Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio, 1844)

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Loreley Online, Stand: 09-02-2004, Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler